Stunde 1: Informationen und Verständnisfragen
Infotext: Außenpolitik der NS-Zeit (1936–1938)
Einführung:
Nach der Machtergreifung Hitlers 1933 verfolgte das Dritte Reich eine aggressive Außenpolitik, um Deutschlands Grenzen zu erweitern, die „schlechten Verträge“ des Ersten Weltkriegs rückgängig zu machen und europäische Mächte zu schwächen. Wir betrachten drei Schlüsseleereignisse zwischen 1936 und 1938.
- Remilitarisierung des Rheinlandes (7. März 1936)
- Hintergrund: Nach dem Versailler Vertrag (1919) war das Rheinland entmilitarisiert – keine deutschen Truppen oder Waffen durften dort stationiert werden.
- Aktion: Hitler schickte 22.000 Soldaten ins Rheinland, obwohl Frankreich und Großbritannien über das Recht verfügten, darauf mit Militär zu reagieren.
- Gründe:
- Das Gebiet war strategisch wichtig für Deutschland.
- Hitler wollte die NS-Ideologie stärken und zeigen, dass Deutschland wieder stark sei.
- Reaktion:
- Frankreich und Großbritannien protestierten schwach und unkoordiniert.
- Sie bevorzugten diplomatische Lösungen und fürchteten einen erneuten Krieg.
- Die USA blieben passiv.
- Auswirkung: Hitlers Risiko ging auf – die Truppen blieben. Das Prestige des NS-Regimes wuchs im In- und Ausland.
- Anschluss Österreichs (12. März 1938)
- Hintergrund: Österreich und Deutschland waren durch den Vertrag von Saint-Germain (1919) getrennt worden.
- Aktion: Hitlers Truppen marschierten in Österreich ein. Der „Einmarsch“ wurde als „Anschluss“ (Rückkehr Österreichs zum Deutschen Reich) verkauft.
- Gründe:
- „Lebensraum“-Ideologie: Deutsche sollten in Österreich einig sein.
- Schwache österreichische Regierung unter Dollfuß/Kitzinger konnte Widerstand nicht organisieren.
- Reaktion:
- Großbritannien und Frankreich erkannten den Anschluss an, um „Ängste vor einem Krieg“ zu vermeiden.
- Die Sowjetunion schwieg.
- Auswirkung: Österreich wurde annektiert. Hitlers Macht wuchs massiv.
- Münchener Abkommen (30. September 1938)
- Hintergrund: Hitler forderte das sudetendeutsche Gebiet in der Tschechoslowakei, bewohnt von Deutschsprachigen.
- Verhandlungen:
- Briten (Neville Chamberlain) und Franzosen (Édouard Daladier) trafen sich mit Hitler und dem italienischen Diktator Mussolini in München.
- Die tschechoslowakische Regierung wurde nicht eingeladen!
- Inhalt des Abkommens:
- Das Sudetenland wurde ohne Abstimmung der Bevölkerung an Deutschland übergeben.
- Chamberlain kehrte mit dem „Versprechen der ‚ dauerhaften Frieden‘“ zurück („Peace for our time“).
- Gründe für die Zustimmung:
- Angst vor einem Krieg, den die westlichen Demokratien nicht gewinnen wollten.
- Falsche Hoffnung, Hitler könne friedlich erreicht werden („Appeasement“-Politik).
- Auswirkung:
- Die Tschechoslowakei verlor ihre militärisch stärksten Gebiete.
- Im März 1939 annektierte Hitler schließlich das gesamte Land.
Zusammenfassung: Die NS-Außenpolitik nutzte Schwächen der internationalen Gemeinschaft aus. Durch Risikopolitik erzielte Hitler territoriale Gewinne, ohne Krieg auszulösen – bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939.
Fragen zum Infotext (Schüler bearbeiten in Gruppen)
- Erklärung: Warum war die Remilitarisierung des Rheinlandes ein großes Risiko für Hitler? (Hinweis: Reaktion von Frankreich/Großbritannien)
- Kausalität: Wie zeigte sich die Schwäche der westlichen Mächte beim Anschluss Österreichs? Nenne zwei Gründe.
- Bewertung: Was bedeutete das Münchener Abkommen für die Tschechoslowakei? Beschreibe die Folgen mit eigenen Worten.
- Verbindung: Warum glaubten Chamberlain und Daladier, dass das Abkommen Frieden sichern würde? Welche Fehler lagen ihrer Politik zugrunde?
Stunde 2: Provokante Stundenfrage und produktive Aufgabe
Provokante Stundenfrage
‘„Ohne das Münchener Abkommen hätte es den Zweiten Weltkrieg vielleicht gar nicht gegeben.“ Wer trägt also die Hauptverantwortung für das eskalierte Gewalt: Hitler oder die westlichen Politiker, die dem Abkommen zustimmten?’
Produktive Aufgabe: Argumentationskarte und klassenweite Diskussion
Durchführung:
- Vorbereitung (15 Minuten):
- Die Schüler bearbeiten zwei Spalten auf einem Arbeitsblatt:
- Spalte A: Argumente für die Verantwortung Hitlers (z. B. aggressive Expansion, Bruch von Verträgen).
- Spalte B: Argumente für die Verantwortung der westlichen Politiker (z. B. Nachgeben, mangelnde Unterstützung der Tschechoslowakei).
- Hinweise: Sie nutzen dazu den Infotext und ihre eigenen Überlegungen.
- Die Schüler bearbeiten zwei Spalten auf einem Arbeitsblatt:
- Erstellung einer Argumentationskarte (20 Minuten):
- In Kleingruppen erstellen die Schüler eine visuelle Karte, auf der sie die strongesten.Argumente aus beiden Spalten sammeln.
- Sie ergänzen die Karte um Beispiele aus dem Text (z. B.: „Hitler marschierte trotz der Remilitarisierung des Rheinlandes ein – Reaktion der Westmächte war zu schwach.“).
- Klassenweite Diskussion (15 Minuten):
- Jede Gruppe stellt ihre Karte vor und begründet, welche Argumente am überzeugendsten sind.
- Der Lehrer leitet eine strukturierte Diskussion:
- Welche Seite wiegt schwerer: Vorsätzliche Aggression oder fehlgeschlagene Diplomatie?
- Wie könnte eine andere Reaktion der Westmächte die Geschichte verändern haben?
- Abschluss: Kurze Reflexion, ob die Frage eindeutig zu beantworten ist oder ob beide Seiten Anteil an der Verantwortung tragen.
- Individuelle Aufgabenstellung (optional, 5 Minuten):
- Schüler schreiben einen Kurzkommentar (4–5 Sätze), in dem sie ihre eigene Position zur Stundenfrage begründen.
Materialien für den Lehrer
- Arbeitsblätter mit den beiden Spalten (A und B).
- Leerblätter für Argumentationskarten (z. B. A3-Papier oder Poster).
- Karte: Europa 1936–1938 mit Markierungen zu Rheinland, Österreich, Sudetenland.
Ziel des Unterrichts:
Die Schüler verstehen, wie aggressive Diplomatie und das Versagen der internationalen Gemeinschaft zum Zweiten Weltkrieg beitrugen. Sie lernen, historische Entscheidungen aus unterschiedlichen Perspektiven zu bewerten und eine fundierte Argumentation zu entwickeln.
Viel Erfolg im Unterricht!