Wie finde ich heraus was ich will

Das ist eine der fundamentalsten und wichtigsten Fragen, die man sich stellen kann. Es ist völlig normal, sich hier unsicher zu fühlen. Oft suchen wir nach einer großen, plötzlichen Erleuchtung, aber in den seltensten Fällen kommt diese. Meistens ist es eher ein Prozess der Entdeckung.

Hier ist ein strukturierter Ansatz, der dir helfen kann, deinen Weg zu erkunden. Du kannst die Schritte als Werkzeuge betrachten, die du anwendest, wann immer du das Gefühl hast, festzustecken.

Schritt 1: Reflexion – Wer bin ich jetzt schon?

Bevor du herausfinden kannst, wohin du willst, musst du wissen, wo du stehst und was deine Grundausstattung ist.

  • Was gibt dir Energie? Mach eine Liste von Aktivitäten, bei denen die Zeit wie im Flug vergeht. Es muss nicht produktiv oder berufsbezogen sein. Vielleicht ist es:
    • Ordnung schaffen?
    • Mit Menschen reden?
    • Allein in der Natur sein?
    • Etwas mit den Händen erschaffen?
    • Etwas analysieren und verstehen?
  • Was zieht dich an? Wovon liest du? Welche YouTube-Videos schaust du, wenn du niemandem gefallen musst? Über welche Themen könntest du stundenlang reden? Interessierst du dich für Gerechtigkeit, Schönheit, Technologie, Pflanzen, Geschichte?
  • Was warst du als Kind? Kinder lassen sich oft von ihrer puren Neugier leiten, bevor sie lernen, was “erwachsen” oder “realistisch” ist. Erinnerst du dich, was du unbedingt werden wolltest oder was deine liebsten Beschäftigungen waren? Das können Hinweise auf angeborene Neigungen sein.
  • Wofür stehst du? Was sind deine Werte? Was ist dir im Leben wirklich wichtig? Versuche, deine 3-5 wichtigsten Werte zu definieren (z.B. Freiheit, Sicherheit, Kreativität, Hilfsbereitschaft, Wachstum, Ehrlichkeit). Entscheidungen, die im Einklang mit diesen Werten stehen, fühlen sich meistens richtig an.

Schritt 2: Neugierde und Experimente – Die Welt entschlüsseln

Du kannst nicht im luftleeren Raum herausfinden, was du willst. Du musst mit der Welt in Kontakt treten.

  • Stelle bewusst Fragen: Fang an, die Dinge um dich herum mit einem Forscherblick zu betrachten. Statt “Das ist langweilig” zu denken, frage dich: “Interessiert mich das Thema, aber nur die Art, wie es hier präsentiert wird?” oder “Was genau stößt mich hier ab?”
  • Tue Dinge, die du noch nie getan hast (auch kleine Dinge): Du willst herausfinden, ob du gerne kochst? Koch ein neues Rezept. Ob du gerne schreibst? Schreibe fünf Minuten am Tag. Ob du mit Menschen arbeiten willst? Melde dich für einen kleinen Ehrenamtstag an. Es geht nicht darum, sofort eine Leidenschaft zu finden, sondern dein Spektrum zu erweitern und zu sehen, was daran hängen bleibt.
  • Lerne etwas Neues: Melde dich für einen Online-Kurs oder einen lokalen Workshop an. Das bloße Lernen bringt dich mit neuen Menschen und neuen Ideen in Kontakt. Nebenbei lernst du, wie du lernst und was dir Spaß macht.
  • Sprich mit Menschen: Frage Menschen, die Berufe oder Hobbys haben, die dich interessieren, wie ihr Tag aussieht, was ihnen daran liegt und was die Schattenseiten sind. Manchmal ist die Realität eines Wunsches weniger verlockend als die Vorstellung davon.

Schritt 3: Zuhören deiner Intuition – Das Gefühl als Kompass

Unser Bauchgefühl ist oft schlauer als unser Verstand, der sich Szenarien ausmalen und Gedanken machen.

  • Achte auf deine Körperreaktionen: Wenn du mit etwas beschäftigt bist, auf das du hoffst oder das du dir vorstellst, spüre in deinen Körper hinein. Spürst du eine leichte Anspannung, eine Art Kichern oder eine wohlig-wohnende Offenheit? Oder spürst du eine schwere, ziehende Energie oder eine Beklemmung? Dein Körper reagiert oft schneller als dein Verstand.
  • Die “Sterbe-Test”-Frage: Stell dir vor, du bist 95 Jahre alt und blickst auf dein Leben zurück. Was würdest du bedauern, wenn du es nicht getan hast? Was würdest du dir wünschen, dass du mehr getan hättest? Diese rhetorische Frage kann oft den Druck wegnehmen, den man sich selbst auferlegt (“Was will ich jetzt sofort”), und lässt einen auf das schauen, was wirklich zählt.
  • Finde heraus, was du NICHT willst: Manchmal ist es einfacher zu definieren, was man ablehnt. Fühlt sich die Vorstellung an, eine 9-to-5-Anstellung zu haben, an wie ein Gefängnis? Magst du keine Unsicherheit, also wäre Selbstständigkeit nichts für dich? Das Schreiben einer “Ausschluss-Liste” kann dein Feld eingrenzen.

Schritt 4: Den Druck rausnehmen – Der Prozess erlauben

Einer der größten Feinde des “Wollens” ist der Druck, alles sofort wissen und definieren zu müssen.

  • Es ist kein Versprechen, nur eine Richtung: Sieh deine Wünsche nicht als lebenslange Verträge. Du willst vielleicht gerade etwas, und wenn du es erreicht hast, hat sich dein Wunsch weiterentwickelt. Das ist Okay und sogar wünschenswert. Es geht darum, eine Richtung zu wählen, nicht ein perfektes Ziel zu finden. Eine Richtung gibt dir eine Wahl, auch wenn sie später geändert wird.
  • Verabschiede dich von der “einen, wahren Leidenschaft”: Der Glaube, dass jeder eine große Leidenschaft hat, die er nur finden muss, ist ein Mythos. Viele Menschen haben verschiedene Interessen und Wege. Manche haben eine Leidenschaft, andere wechseln oft. Es ist auch okay, einfach einen Beruf zu haben, der die Rechnungen bezahlt und einem genug Freizeit für Hobbys und Beziehungen lässt.
  • Vertage die Entscheidung nicht in alle Ewigkeit: Aktion beseitigt Angst. Nimm eine kleine, unverbindliche Entscheidung, die dich deinem aktuellen Gefühl einen Schritt näher bringt. Anstatt zu überlegen, ob du ein komplettes Informatik-Studium beginnen sollst, starte einen kostenlosen Python-Kurs. Das ist keine Verpflichtung, sondern nur eine Informationssammlung.

Eine kleine Übung für den Anfang

Nimm einen Zettel oder ein Notizbuch und notiere randlos für 5 Minuten die Antwort auf diese Frage: “Was würde ich tun, wenn Geld und die Meinung anderer keine Rolle spielen würden?”

Schreibe alles auf, was dir kommt. Vielleicht ist es “im Garten arbeiten”, “Geschichten schreiben”, “Menschen helfen”, “Mechanik verstehen”. Kein Gedanke ist zu verrückt.

Aus den Antworten kannst du dann die Themen herausfiltern, die eine Energie in dir auslösen. Und genau an diesen Faden kannst du weiter spinnen.

Das Finden dessen, was man will, ist eine Reise, keine Destination. Sei geduldig mit dir selbst und friedlich zu deiner Neugier.

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