In welchen afghanischen Märchen wechselt der Protagonist von Zeit zu Zeit sein Geschlecht?

Auch wenn es in Afghanistan reiche mündliche Überlieferungen von Märchen und Sagen gibt und das Motiv des Geschlechterwechsels generell in einigen Volkserzählungen (etwa im Zusammenhang mit Schamanismus oder Zauberei) vorkommt, ist es kaum möglich, in spezifischen afghanischen Märchen einen fest etablierten oder bekannten Protagonisten zu benennen, der „von Zeit zu Zeit“ sein Geschlecht wechselt.

Das Motiv der dauerhaften oder situativen Geschlechterwechselung ist in der klassischen europäischen Märchenforschung (wie bei den Brüdern Grimm) sehr selten, wird aber in der orientalischen und persischsprachigen Literatur (die den kulturellen Hintergrund vieler afghanischer Märchen bildet) in anderen Genres behandelt.

Hier sind die Hintergründe und Möglichkeiten, worum es sich bei solchen Geschichten handeln könnte:

1. Der historische Hintergrund: Oberon und Titania

Der Begriff „afghanisches Märchen“ muss man im Kontext der Sammlungen sehen, die oft von europäischen Forschern im 19. und frühen 20. Jahrhundert besucht wurden. Der wohl bekannteste Text, der Teile Afghanistans miteinbezieht und einen Geschlechterwechsel thematisiert, ist der Roman „Oberon“ von Christoph Martin Wieland (1780).

  • Der Kontext: Der Dichter Wieland nutzte Motive aus den mündlichen Erzählungen des Hamburger Dichters Hans Wilhelm von und zu Mirche (der im 18. Jahrhundert in Hamburg lebte, das Buch aber als „Übersetzung“ eines angeblichen persischen Textes ausgab).
  • Die Geschichte: In diesem Werk gibt es eine Szene, in der ein türkischer oder persischer Gelehrter (oft im Kontext von Feenmärchen) als Beobachter auftritt. Eine der Hauptfiguren (Königin Cunegonde) wird von einer „Feenfee“ in einen Jungen verwandelt, somit also ihr Geschlecht gewechselt. Dies wird als „Verzauberung“ dargestellt, die später rückgängig gemacht werden kann.
  • Warum das „afghanisch“ genannt wird: Weil „Persien“ oft synonym für „Orient“ verwendet wurde und Afghanistan kulturell eng mit dem persischen Raum verbunden ist.

2. Islamische Volksüberlieferungen (Hadithe und Sagen)

In der islamischen Welt (und damit auch in Afghanistan) findet sich das Motiv des Geschlechterwechsels nicht in klassischen Liebesmärchen, sondern eher in religiösen oder legendären Erzählungen (Hadithe und Qisas al-Anbiya).

  • Geschlechterwechsel als Strafe: Es gibt Überlieferungen, in denen Menschen, die sich „gegen die Natur“ verhalten (z.B. Männer, die sich wie Frauen kleiden und Frauen, die sich wie Männer kleiden), von Gott in das jeweils andere Geschlecht verwandelt wurden.
  • Der wohl bekannteste angebliche Fall betrifft die Stadt Saba (im heutigen Jemen, aber die Geschichte ist in der gesamten islamischen Welt bekannt). Einige Geschichten berichten, dass die matriarchalische Gesellschaft von Saba durch eine solche Verwandlung bestraft wurde (wobei dies eine strittige Interpretation des Korans ist, Surah 27:34-35). Diese Geschichte findet sich oft in mündlichen Erzählungen in Afghanistan wieder.

3. Die Figur des „Rüdchen“ (in Derwender-Sagen)

In manchen Sagen der Derwende (seltsame Wesen oder Geister im Volksglauben, oft missgestaltet) wird berichtet, dass diese Wesen kein festes Geschlecht haben oder dieses wechseln können. In Afghanistan (im Hazarajat oder im Norden) gibt es Geschichten über Berggeister (ähnlich den Genien oder Ifriten im Iran), die Erscheinungsformen beider Geschlechter annehmen, um Reisende zu erschrecken oder zu verführen.

Zusammenfassung

Wenn Sie in einer Hausarbeit oder Recherche nach einem spezifischen afghanischen Märchen mit diesem Merkmal suchen, stoßen Sie wahrscheinlich auf Fehlinterpretationen:

  1. Das Märchen „Der Froschkönig“ (alias „Rana“): In manchen Versionen des „Froschkönigs“ (der in indischen/persischen Fassungen oft „Rana“ oder „Hochmut“ heißt) gibt es Verwandlungen, aber meistens nur von Tier zu Mensch, nicht Geschlechterwechsel.
  2. Persische Einflüsse: Wie oben erwähnt, stammt die Erwähnung von „Der Mann, der zur Frau wurde“ meist aus Erzählungen, die im Iran (z.B. in den Geschichten von Attar oder Rumi) oder in der arabischen Nacht (z.B. die Geschichte des „Sklaven Tawaddud“ oder gewisse Kalifen-Geschichten) angesiedelt sind, historisch aber oft als „Orientalische Märchen“ (Oberon) zitiert wurden, die auch in Afghanistan rezipiert wurden.

Fazit: Es gibt kein kanonisches afghanisches Volksmärchen, in dem der Held (z.B. ein Prinz) einfach so sein Geschlecht wechselt. Solche Elemente findest du eher in modernen afghanischen Literaturwerken (die sich mit Queer-Themen auseinandersetzen) oder in Bibel/Koran ähnlichen Legenden, die als Strafe interpretiert werden.

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